Einige Highlights der Tour aus Sicht der Teilnehmer.
Nun liegt es bereits hinter uns – unser grosses Spenden-Bike-Event im November 2012 quer durch den Südwesten Äthiopiens. Wir bringen nicht nur stramme Waden, ein Stück Hornhaut am Hintern und eine Top-Kondition mit aus Afrika, nein, vor allem einen grossen Rucksack voller bewegender und prägender Eindrücke, die wohl keiner von uns so schnell vergessen wird. Als Gruppe von knapp 30 Velofahrern haben wir zusammen eine Strecke von rund 40 000 km zurückgelegt – mit Schwung einmal um den ganzen Erdball! Die Tour hat unser aller Erwartung von Anfang bis Ende übertroffen. Vom ersten Tag an wurde unsere natürlich sehr augenfällige Equipe von jubelnden und juchzenden Einheimischen begleitet. Auf der gesamten Strecke wurden wir immer wieder motiviert und angefeuert, der Strassenrand war gesäumt mit singenden, klatschenden und tanzenden Menschen, die scheinbar mindestens soviel Spass an der Aktion hatten wie die Velofahrer selbst. Als Velofahrer ein Gefühl wie bei der Tour de france – genial.
„Äthiopien“ – mit dem Land am Horn von Afrika assoziiert der Durchschnittsmensch dürre, karge Landschaften, hagere Menschen mit eingefallenen Gesichtern und aufgetriebenen Bäuchen. Sicherlich sind diese Assoziationen teilweise berechtigt – aber Äthiopien hat viel mehr zu bieten. Wieviel mehr, davon durften wir uns auf unserer Tour auf eindrückliche Weise selbst überzeugen. Die Landschaft Äthiopiens ist spektakulär und hat uns allen den Atem geraubt. Begonnen hat die Tour auf einer Asphaltstrasse in der Nähe von Addis Abeba. Je mehr wir uns von der Hauptstadt wegbewegten, desto beeindruckender zeigte sich die Landschaft: die Strassen sind gesäumt von Schirmakazien und in kräftigem Rot erstrahlenden Feuerlilien. Wohin man auch schaut, eröffnet sich einem die unendliche Weite Afrikas. Kilometerweit kann man seinen Blick schweifen lassen, und trifft ab und zu lediglich auf Tukuls (für Äthiopien typische Strohhütten) und ein paar Rinderherden. Zäune sieht man praktisch keine, die Rinderherden bewegen sich frei und werden täglich auf der Strasse zu einem neuen Weideplatz getrieben, was bisweilen zu abenteuerlichen Begegnungen zwischen Kudu und Bike führen kann. Die Kudus, afrikanische Rinder mit dem für sie typischen Fetthöcker im Nacken, sind wunderschön anzusehen mit den sanft geschwungenen Hörnern und ihren verschiedenen Rot- und Brauntönen. Die Farben der Kudus, das intensive Blau des Himmels, die rote Erde und die dutzenden verschiedenen Grüntöne der Flora ergeben ein Farbenensemble, an dem man sich kaum sattsehen kann. Ein weiteres landschaftliches Highlight sind die äthiopischen Seen – im Lake Langano durften wir unsere müden Beine kühlen, der Lake Chamo ist mit seiner rostbraunen Farbe wunderschön anzusehen, sein Nachbar der Lake Abaja hingegen erstrahlt im tiefsten Blau und ist Heim für stattliche Krokos und Hippos. Der Blick auf die beiden Seen, getrennt von einem Gebirgszug „the bridge of god“, hat sich allen Teilnehmern eingeprägt.
Äthiopien ist das zweithöchst gelegene Land Afrikas – dementsprechend haben wir uns mit unseren Bikes auch bis auf 3000 m hochgekämpft – belohnt wurden wir wiederum mit einer atemberaubenden Aussicht auf die Seenplatte und einem entsprechend spektakulären Zeltplatz. Vom Gebirge gings dann wieder runter ins Tal bis zum Omo-River – einer der grössten Flüsse des Landes, welchem wir auf unserer Reise mehrmals begegnet sind. Auch er beheimatet Hippos, stattliche Krokodile und eine Reihe afrikanischer Fische wie der Nilbarsch. Aber damit nicht genug – nicht nur die Landschaft hat uns die Sprache verschlagen, sondern auch die Begegnung mit den Menschen des Landes, insbesondere die Begegnungen mit den Urstämmen Äthiopiens. Nicht umsonst nennt man den Südwesten Äthiopiens „das Museum der Völker“ – in dieser Region des Landes lebt ein gutes Dutzend verschiedener Naturvölker, welche seit Jahrzehnten nach ihren eigenen Regeln leben. Wir durften Begegnungen erleben mit den Mursi, wo die Frauen grosse Teller in der Unterlippe tragen, den Hamar, die sich ihre Haare mit Ocker und Tierfetten rot färben, den Karo, den Meistern des Gesanges und Tanzes sowie den Konso, den fleissigen Terrassenbauern. Wir hatten das Glück, auf unserer Tour ein vollkommen authentisches Hamar-Dorf besichtigen zu dürfen und einen Einblick in den Alltag des Stammes zu erhaschen. Die Hamar leben in einfachsten Tukuls, ernähren sich von ihren Rinderherden und dem Töpferhandwerk. Umso mehr erfreute uns die Einladung einer Familie in ihr Tukul – ein grosser Raum, ausgestattet mit einer Feuerstelle, ein paar Fellen und ein, zwei Hockern aus Holz – ansonsten absolut nichts. Die Schönheit der Hamar-Frauen mit ihren ebenmässigen Gesichtern und ihren Gewändern geschmückt mit Steinen und Muscheln hat uns allen den Atem verschlagen…
Ein weiteres Highlight war der Tanz von ca. 50 Karos am Omo-River – ihr Tanz stellt Szenen aus dem alltäglichen Leben dar und ist beeindruckend anzusehen – alle Männer sind schlank und grossgewachsen und bemalen ihre nackten Oberkörper mit weisser Farbe. Beim Tanz springen sie hoch in die Luft und begleiten sich dabei selber mit rhythmischem Gesang.
Begleitet von all diesen landschaftlichen und kulturellen Höhepunkten gestaltete sich das Biken viel leichter als gedacht. 16 Tage am Stück auf dem Drahtesel, durch unterschiedlichstes Gelände in ebenso unterschiedlichen Klimazonen – der sportliche Ehrgeiz war von Anfang an bei allen Teilnehmern geweckt. Pro Tag legten wir durchschnittlich 80-100km zurück. Teilweise war der Gewinn von Kilometern ein leichtes und das Windschatten-Fahren konnte auf angenehm asphaltierten Strassen zelebriert werden, teilweise musste jeder Kilometer im Schlamm oder steil bergauf hart erkämpft werden. Nichtsdestotrotz – jeder war von Anfang bis Ende mit grosser Begeisterung bei der Sache. Das Velofieber griff schnell um sich: täglich gab man sich gegenseitig Tipps, besprach die Pleiten, Pech und Pannen des Tages und wartete mit Spannung auf die nächste Etappe. Insgesamt mussten 150 Platten geflickt werden, 15 Stürze wurden verbucht, 8000 Kalorien am Tag verbraucht und ca. 2500 l Trinkwasser geleert. Nach dem Passieren der Zielgeraden waren die Emotionen deutlich spürbar: stolz klopfte man sich gegenseitig auf die Schulter, war froh, alles ohne ernsthafte Verletzungen überstanden zu haben und für einen guten Zweck pro Person ca. 1300km zurückgelegt zu haben. Die strahlenden Gesichter am Ende der Tour sprachen für sich: es lohnt sich, seine Komfort-Zone ab und zu hinter sich zu lassen und in eine andere Welt einzutauchen. Eine Welt, in der nicht der Materialismus vorherrschend ist, sondern Familie, die Befriedigung der Grundbedürfnisse, das pure Leben und Überleben. Am Ende der Tour entschädigt das tolle Gefühl, eine aussergewöhnliche Leistung für einen guten Zweck erbracht zu haben für alle Strapazen.
